CW diskriminierung, strukturelle gewalt und suizid

Vor ungefähr 2 Jahren - im September 2017 – wurde Puerto Rico von Hurrikan Maria getroffen. Der Sturm zerstörte die Infrastruktur des Landes und löste massive Fluten aus sowie den größten Blackout in US Geschichte aus. Unzählige Einwohner*innen verloren ihr Zuhause, mindestens 3000 ihr Leben.

Von Katastrophen dieses Ausmaßes ist jede*r betroffen. Und doch gibt es Möglichkeiten sich zu schützen: Geld, Verwandte, ein fester Job, eine Wohnung und Zugang zu sozialen und staatlichen Sicherheitsnetzwerken. In den schlimmsten Zeiten helfen uns diese Faktoren zu überleben. Vielen Mitgliedern der LGBT+ Community sind diese jedoch – durch strukturelle Diskriminierung im Arbeitsmarkt, durch Ausgrenzung aus Familie und Freundeskreisen, durch weiter verbreitete Heimatlosigkeit – nicht zugänglich. Um trotz allem zu überleben – sowohl in Krisensituationen als auch im Alltag – haben wir unsere eigenen Strukturen aufgebaut. Ob sichere Orte für queere Jugendliche und Erwachsene, ob Hilfsorganisationen für unsere schlimmsten Stunden oder ob Advokat*innengruppen um unsere Rechte zu verteidigen: die queere Gemeinschaft hat gelernt sich gegenseitig zu schützen.

Und doch – Katastrophen zerstören Gemeinschaften. Das potentielle Ausmaß dieser Zerstörung sehen wir noch jetzt in Puerto Rico. Ein großer Teil der queeren Infrastruktur existiert nicht mehr. Sichere Orte, ob Bars oder Jugendtreffs wurden zerstört und viele bis heute nicht wieder aufgebaut. Hilfsorganisationen fehlen die Leute, die Orte und die Infrastruktur um lebensnotwendige Hilfe anzubieten. In der Zwischenzeit verzeichnen wir einen starken Anstieg an Suizidraten.

Nach zwei Jahren baut sich die queere Gemeinschaft in Puerto Rico wieder auf. Queeres Leben wird weitergehen und weiterbestehen. Und doch sollte uns diese Katastrophe eine Vorwarnung sein, denn sie Teil des Klimawandels und eine Vorzeichen für die Gefahren die uns erwarten. Stürme, Fluten, Dürren, all das wird die gesamte Gesellschaft unter erheblichen Druck stellen.

Die Klimakatastrophe ist eine außerordentliche Bedrohung für queere Gemeinschaften weltweit. Sie bedroht uns, weil natürliche und gesellschaftliche Krisen schon immer eine überdurchschnittliche Gefahr für uns dargestellt haben. Sie bedroht uns weil vielen von uns der Zugang zu den staatlichen und sozialen Sicherheitsnetzwerken die vor diesen Krisen schützen sollten schwer gemacht, oder sogar verweigert wird.

Zunehmende Akzeptanz in der Gesellschaft könnte das Ausmaß dieser Probleme verringern. Und doch sollten wir uns auch hier unserer Geschichte bewusst sein. Schon mehrfach blickten unsere Gemeinschaften wachsender Akzeptanz entgegen und schon mehrfach setzten tiefgehende Gesellschaftliche Krisen dieser Akzeptanz ein Ende. Denn mit Krisen erheben sich jene Rechtspopulist*innen, die die Ursachen aller Probleme in der Stärkung und Förderung unterdrückter Gruppen sehen. In Krisensituationen wechseln Jene, deren Unterstützung ausschließlich auf gesellschaftlichem Druck basierte die Seite. In Krisensituationen kehren uns unsere Verbündeten den Rücken zu, wenn ihnen ihre eigenen Privilegien wichtiger werden als unser Überleben.

Die Anzeichen einer solchen Bedrohung sehen wir schon jetzt in der aktuell erstarkenden radikalen Rechten, für deren verschiedenen Gruppierungen – ob Parteien oder Youtube Persönlichkeiten -Transphobie oft eine ihrer am offensten präsentierten Verbindungselemente ist. Zusammen mit rassistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien finden wir dieser Hass auf queere Gemeinschaften in den Manifesten ihrer prominentesten Amokläufer – zusammen mit ökofaschistischen Begründungen.

Queere Menschen mit anderen unterdrückten Identitäten befinden sich dabei in besonderer Gefahr. Ob Schutz und Bewahrung der Bedürfnisse queerer Flüchtlinge, ob Kampf für die Interessen queerer Menschen mit Behinderungen oder ob Kampf gegen Gewalt gegen queere PoCs - queerer Freiheitskampf muss sich bewusst sein, dass verschiedene Teile unserer Gemeinschaft verschieden Unterdrückt werden und verschieden verteidigt werden müssen. Wir müssen uns bewusst sein, wie diese Unterdrückungen in der Klimakrise verschieden zunehmen werden. Wir müssen die Stimmen der Betroffenen unterstützen und verstärken und ihnen bei ihrem Kampf zur Seite stehen, besonders, wenn wir selbst vor härteren Konsequenzen geschützt sind.

Queerer Protest muss einen Kampf für Klimagerechtigkeit beinhalten. Einen Kampf sowohl für die Verhinderung der Klimakrise, als auch einer gegen Versuche die Last der Klimakrise und die Verantwortung für ihre Verhinderung auf den Schultern der Menschen abzulegen, die bereits von ihr und der Gesellschaft geschädigt werden. Und wir müssen wir uns vorbereiten, damit wir für uns und andere ein sicheres Netz bilden können, wenn der Rest der Gesellschaft keines erübrigen möchte.

Für einen queeren Kampf für Klimagerechtigkeit.

Because there is no Pride on a dead planet.